Familienbegleitung
Natalie Clauss

Wofür Eltern in der Ganztagsbetreuung WIRKLICH zahlen

erschienen am 

In einer Gruppe auf Facebook habe ich einen Beitrag von Peggy gelesen, in dem sie über die Situation in der Ganztagsbetreuung schreibt. Dieser Beitrag hat mich sehr bewegt und ich freue mich, dass ich ihn auf meinem Blog mit dir teilen darf. Viel Spaß beim Lesen von Peggys Text. (Natalie)

Überall stolpern wir über das Thema Personalmangel in KiTas… mich packt dabei die Wut! Offensichtlich wird sich mit dem Notstand der ErzieherInnen nur bezugnehmend auf das Tätigkeitsfeld KiTa beschäftigt, dabei wird dieser Bereich politisch noch gefördert.

Aber die anderen Bereiche, in denen es um Betreuung und Förderung von Kindern geht, fallen in jeglicher Hinsicht unter den Tisch. Und dabei ist es in diesen Bereichen (dadurch) viel, viel dramatischer!

Dies ist ein Hilferuf, der so dringend ist, weil viele von uns gezwungen sind jeden Tag das Wohl von hunderten Kindern gefährden zu müssen! Und wir arbeiten bis zur krankhaften Erschöpfung.

Werbung

Ich bin als Erzieher in der offenen Ganztagsbetreuung tätig und ich habe Angst. Angst habe uch vor der Entwicklung, die die Betreuung- welche keine mehr ist, für jedes einzelne Kind täglich bedeutet.

Wir ErzieherInnen werden für Gruppengrößen von 25 Kindern ausgebildet. Doch hier betreuen drei Fachkräfte 190 Kinder in Spitzenzeiten und diese Stellenanteile füllen wir nicht einmal mit je 100% aus. Lediglich eine Fachkraft, welche jedoch auch alle bürokratischen Leitungsaufgaben stemmen muss, ist in unserer Einrichtung in Vollzeit tätig.

Ich habe Angst vor einem Rechtsanspruch, da die Kinderzahlen auch im kommenden Jahr ansteigen werden, unter gleichen „Aufbewahrungsvoraussetzungen“. In unserer Einrichtung, die als Hort für knapp 50 Kinder konzipiert wurde, sind mittlerweile 190 Kinder aus 18 verschiedenen Nationen angemeldet, sodass wir auslagern müssen mit gleichem Personalstand. Die Kinder bekommen den ganzen Tag nichts anderes mehr zu sehen, als ihr Klassenzimmer - wenn dieses überhaupt zur Verfügung steht.

In unserem Fall werden die Kinder bei Wind und Wetter draußen betreut, weil es drinnen keinen Platz für sie gibt und es existiert kein Personalschlüssel oder Aufnahmestopp! Weil es für diese Betreuungsform keine separate Betriebserlaubnis gibt, sondern offiziell die Betriebserlaubnis der Schulen gilt.

Wir arbeiten jedoch unabhängig und im Falle einer Kindeswohlgefährdung in oder durch Einrichtungen, wird aufgrund dessen, der Meldung nicht nachgegangen. Auch Kontrollen finden nicht statt. Jugendämter sind nur für Kinder in betriebserlaubnispflichtigen Einrichtungen zuständig und dazu zählen Ganztagsbetreuungen NICHT!

Werbung

Wir haben nicht für annähernd jedes dritte Kind einen Stuhl, nicht ausreichend Toiletten, geschweige noch freie Kapazitäten, um wichtige Rückzugsmöglichkeiten als Ausgleich zum Schulalltag zu schaffen.

Zu "Hort-Zeiten" gab es klare Regelungen hierfür. Selbst für Hühner gibt es Regelungen, welche Anzahl Tiere auf wie vielen Quadratmetern gehalten werden darf. Für die Ganztagsbetreuung gibt es diese Regelungen nicht!?

Aufnahme von frei laufenden Hühnern.

Für diese Kindermasse sind wir lediglich drei Erzieher. In vielen Einrichtungen ist es noch schlimmer. Wir werden über Mittag von unausgebildeten Kräften "unterstützt", die lediglich grob geschult werden. Aber das Führen von Eltern- und Lehrergesprächen, das Teilnehmen an runden Tischen mit Jugendämtern und Pflegefamilien oder die pädagogisch didaktische Planung können sie nicht leisten. Von der Anleitung und Schulung zukünftiger ErzieherInnen im Rahmen deren Ausbildung ganz zu schweigen.

Kinder welche unter Vernachlässigung, Konzentrations- oder Lernschwächen leiden, werden kaum noch erkannt. Hierfür ist eine qualitative Ausbildung nötig und nicht die Voraussetzung, selbst ein Kind geboren zu haben und das ist auch gut so. Wir tragen die Angestellten zusätzlich mit und bügeln notfalls aus, was nicht geht und sich negativ auf die Kinder auswirken könnte.

Zudem wird die Stundenkapazität der Hilfskräfte während der Schulzeit benötigt, sodass wir während der Ferienbetreuung sogar ohne dieses Personal zurecht kommen müssen und lediglich auf Praktikanten zurückgreifen können und dies, obwohl wir in den Ferien durchgehende Öffnungszeiten von über zehn Stunden abdecken müssen.

Die Förderung einzelner Kinder ist nicht mehr möglich! Lernschwierigkeiten werden nicht erkannt, Kinder nicht gefördert. Von der wichtigen Sprachförderung sind wir aufgrund der Situation so weit weg, dass wir Auszubildenden die Inhalte fast nur noch theoretisch vermitteln können - bei den Kindern kommt davon nichts mehr an.

In den letzten Jahren, konnte ich mit den Kindern kein Buch lesen, weil die Rahmenbedingungen dies einfach nicht mehr hergeben. Geschweige, dass eine gewisse Beobachtungsfähigkeit vorhanden ist, die nötig wäre, um zu erkennen, dass ein Kind häuslichen Problemen wie Übergriffen oder Vernachlässigung ausgesetzt ist. Dazu zählen Kinder, die in verschiedensten Pflegefamilien stranden, Kinder die davon berichten zu Hause geschlagen zu werden, Kinder die unter der Trennung der Eltern leiden, die sich mit ihrem Zeugnis nicht nach Hause trauen und Kinder die sich gemobbt oder einfach „nur“ alleine fühlen und dies sind nur einige Beispiele der letzten Jahre.

Werbung

Und auch davor habe ich Angst. Davor, dass wir Inklusion tiefgreifend umsetzen sollen, was wir wollen aber nicht können. Wir treiben die großen Kindermassen wie Vieh von einem Punkt zum anderen. Schleusen sie in Etappen durch die Essenssituation - weil es nicht annähernd genug Tische und Sitzplätze gibt.

Danach treiben wir sie unter Zeitdruck zu den AGs, der Hausaufgabenbetreuung oder Nachmittagsschule. Und werden zurecht gewiesen, weil sich die Gesellschaft durch die Lautstärke der vielen Kinder gestört fühlt, weil wir nicht mehr wissen, wohin wir zuerst gehen sollen. Wie soll ich mich entscheiden, zwischen dem Kind, dass ein anderes gerade unter dem Tisch tritt, dem Kind, dass sein Diät-Essen bekommen muss, dem Kind, dem der Bauch weh tut und dem Kind, dass Schwierigkeiten hat, mit seinem schwer zu händelbaren Tablett einen Platz zu finden?

Das ist der normale tägliche Stress allein während des Essens, da darf dann aber nichts dazwischen kommen. Ein Feueralarm, Nasenbluten, ein heruntergefallenes Glas, das Fehlen eines Mitarbeiters, ein Kind, dass vom Toilettengang nicht zurück kommt oder der Telefonanruf von Eltern.

Wir betreuen Kinder, deren Namen wir nach Wochen noch nicht kennen. 80% der Eltern habe ich noch nie gesehen. Auch davor habe ich Angst: Was passiert, wenn wir den Überblick verlieren oder schlicht vergessen, dass ein Kind allergisch auf Orangen reagiert oder aus individuellen Gründen etwas bestimmtes nicht essen darf? Wir haben keine Möglichkeit mehr, mit Kindern zu reden, um Problemen auf den Grund gehen zu können.

Hinzu kommen die erschwerten Arbeitsbedingungen. Wir haben keinen Aufenthalts- oder Pausenraum und Gehörschutz gegen den Lärm können wir auch nicht tragen, weil wir ein weinendes Kind sonst nicht mehr hören können. Dafür „betreuen“ wir die Kinder in nicht klimatisierten Räumen, was in den Sommermonaten 30 Grad und mehr bedeutet.

Hitzefrei für Schüler und Mitarbeiter gibt es im Ganztagsbereich nicht. Ich klage daher ganz offen an, dass jeden Tag das Wohl der Kinder in der Ganztagsbetreuung gefährdet wird, durch Vernachlässigung, mangelnde Förderung, Lärm, zu wenig Raum und Zeit zum individuellen Lernen und durch das Nichterkennen von weiteren kindeswohlgefährdenden Faktoren des kindlichen Lebens.

Aufnahme eines leeren Klassenzimmers.

Auf Bundesebene dreht sich alles um den KiTa-Bereich und die Verbesserung des frühkindlichen Lernens. Aber was ist mit dem Alter, das daran anschließt. Werden die Kinder nur wichtig, wenn es um PISA-Quoten geht? Bildung findet nicht nur in KiTas statt.

Wir haben Kinder, die das erste Mal küssen, verliebt sind, aber auch das erste Mal rauchen, mit Messern im Klassenzimmer aufeinander losgehen, diskutieren, ob der Hitler-Gruß gut oder schlecht ist, ob ein Kind mit anderer Herkunft ein Freund sein kann und die einfach vollkommen unsicher sind, wer sie denn eigentlich selbst sind.

Ich hoffe und wünsche mir - im Namen aller ErzieherInnen in Ganztagsbetreuungen, dass endlich jemand da ist, der dafür sorgt, dass sich ganz schnell etwas ändert, weil wir durch diese Zustände jeden Tag zu viele Kinder „verlieren“, weil wir keine Möglichkeit mehr haben, pädagogische Qualitäten für sie nutzbar zu machen und weil wir einfach nicht mehr können!

Es geht mir nicht um bessere Bezahlung, denn dass was wir verdienen, werden wir niemals ausbezahlt bekommen. Aber ich wünsche mir Rahmenbedingungen, die es uns ermöglichen, qualitativ arbeiten zu können.

So lange sich nur bitte etwas ändert, auch in Hinsicht auf die Gewinnung zukünftiger Fachkräfte. Welcher Berufsanfänger ist denn bereit, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Wir sind als Ausbilder in der Einrichtung tätig und wissen nicht mehr, woher wir die Kapazitäten nehmen sollen, um der Aufgabe adäquat gerecht zu werden, weil uns alles andere auffrisst.

Und die Überstunden steigen und steigen und steigen, wofür wir noch gerügt werden. Das Gehalt lockt nun wirklich keinen Neueinsteiger und so viel Idealismus, bringe selbst ich nicht auf, wenn ich heute nochmal vor der Berufswahl stünde.

Die Politik aus Ländern und Bund schieben die Verantwortung von sich, mit der Begründung, dass die Kommunen hierfür zuständig wären und diese können schalten und walten, wie sie es (möglichst kostengünstig) gestalten wollen.

Werbung

Es gibt schließlich keine ausreichenden Regelungen für den Ganztagsbetrieb. Es stellt sich zudem die Frage, ob nicht sogar die zwingend benötigte Betriebserlaubnis übergangen wird, solange der Ausbau der Ganztagsbetreuung nur möglichst schnell voran getrieben wird. Frei Stellen werden bei uns seit Jahren nicht oder nur so reduziert ausgeschrieben, dass sich ErzieherInnen auf solch kleine Stellen unmöglich bewerben.

Dies ebnet somit den Weg für die Aussage, dass leider niemand gefunden wurde, sodass auf ungelernte Hilfskräfte zurückgegriffen werden "muss". Diese sind billiger. Schlechter eingruppiert, sodass vier ungelernte unqualifizierte Kräfte eine Fachkraft ersetzen (auf dem Papier). DAS ist ein Skandal!

Genauso, wie es ein Skandal ist, dass Eltern für diese minderwertige Betreuung zahlen. Eltern entrichten viel Geld für die Gefährdung des Wohls ihrer Kinder! Handlungsverpflichtungen aus Gefährdungsbeurteilungen, sowie Überlastungsanzeigen sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.

Im Übrigen hat das Büro unseres Familienministeriums dieses Schreiben seit Monaten auf dem Tisch, mit der Antwort, dass die Kommunen und Länder zuständig sind. Trotz des Wissens um die Situation wurde nun freudig der Rechtsanspruch für die Ganztagsbetreuung ausgerufen ohne Verbesserungsmaßnahmen.

Es ist nicht regionsabhängig, wo diese Zustände herrschen. Es betrifft dank der politischen Weichen ALLE GTBs in ALLEN Kommunen ALLER Bundesländer.

Wir sind nicht diejenigen, denen alles Gute gewünscht werden muss. Es sind die Eltern, denen erzählt wird, wie gut es ihre Kinder in der Ganztagsbetreuung haben werden und wie beruhigt sie doch ihrem Beruf nachgehen können. Und es ist den Kindern dieser Eltern zu wünschen, weil sie den Lärm, den Stress und den Mangel ausbaden müssen. Jeden Tag und deutschlandweit, weil andere damit gutes Geld verdienen.

Diejenigen, die die Beiträge kassieren und der Bund, der sich über die Steuereinnahmen freut, welche diese "beruhigten" Eltern zusätzlich in die Kassen spülen. Eltern bringen Geld. Fachkräfte und Kinder kosten Geld. Die meisten Eltern wissen leider nicht, von welchen „Qualitäten und Qualifizierungen“ ihr Kind gerade betreut wird oder dass ihre Ganztagsbetreuung im Fall des Falles nicht kontrolliert wird.

Wenn sich Eltern JETZT nicht zusammenschließen und dagegen vorgehen, wird es für alle Kinder im Land noch viel, viel schlimmer! JETZT werden die Weichen für den Rechtsanspruch gestellt. JETZT haben die Eltern (noch) die Chance gegen diese Zustände vor zugehen. Nur die Eltern haben die Macht, um Veränderungen zu erwirken. Daher darf dies ohne schlechtes Gewissen so oft geteilt werden, wie es beliebt.

Bitte verzeih meinen langen Text! Ich danke für die Mühe, dies gelesen zu haben.

Bildquellen:

Alle verwendeten Bilder für den Artikel habe ich auf unsplash.com herausgesucht. Hier folgt eine genaue Auflistung der Links:

  1. Vorschaubild des Artikels
  2. Bild Hühner
  3. Bild Schule
Freunden von diesem Artikel erzählen
Kommentare
Kommentare konnten nicht geladen werden.

noch keine Kommentare vorhanden

Kommentar verfassen

Hinweis: Die mit einem * gekennzeichnete Eingabefelder sind Pflichtfelder.

{{ response.text }}

Wir verwenden Cookies. Was Cookies sind und warum wir diese nutzen müssen erfährst du hier.