Familienbegleitung
Natalie Clauss

Es sollte nicht Entbindung heißen!

erschienen

Für die Geburt eines Kindes gibt es viele Worte, Entbindung ist nur eines davon. Wusstest du, dass das Wort „Entbindung“ ursprünglich gar nicht für die Geburt stand? Nach meiner Recherche wurde es im 15. Jahrhundert zunächst ganz allgemein für „Befreiung“ genutzt. Wenn ich die beiden Worte „Entbindung“ und „Befreiung“ in Kombination mit der Geburt sehe, wird mir, ehrlich gesagt, schlecht. Ja, manchmal sind Schwangerschaften nicht leicht. Im ersten Trimester haben viele Schwangere Probleme mit Übelkeit und Erbrechen, was teilweise auch später nicht besser wird. Im zweiten Trimester geht es vielen Frauen dann besser, während es zum Ende manchmal beschwerlich scheint, wenn der Bauch doch immer größer wird. Das Atmen wird vielleicht schwerer, die richtige Schlafposition ist nicht mehr leicht zu finden und Sodbrennen ist auch nicht selten. Und doch sind all diese Schwangerschaftsbeschwerden in vielen Fällen kurz nach der Geburt schon wieder vergessen oder werden nicht mehr als so schlimm angesehen. Eine Freundin hatte sich in der Schwangerschaft eine Rippe gebrochen und konnte sich nach der Geburt ihrer Zwillinge nicht einmal mehr daran erinnern, bis sie nach dem Röntgen ein paar Jahre später von einem Arzt gefragt wurde, was da passiert war. Und neben den so viel und oft beschriebenen Schwangerschaftsbeschwerden, hat die Schwangerschaft auch unglaublich viele unbeschreiblich schöne Momente. Ich kann es kaum beschreiben, wie es sich anfühlte, als in meinem Bauch ein neues Leben heranwuchs. Ich muss immer noch lächeln, wenn ich daran denke, wie mein Sohn meinen Bauch ausgebeult hat, wenn er in der späten Schwangerschaft getreten oder sich einfach nur bewegt hat. Oder der Moment, als sich mein Sohn in der 37. Schwangerschaftswoche doch gedreht hatte und damit nicht mehr in Steißlage lag. Und ich könnte einige mehr dieser wunderschönen Momente aufzählen… wie kann man da von Befreiung sprechen.

Natürlich ist es noch ungleich schöner, wenn die kleinen Mäuse dann irgendwann tatsächlich auf der Welt sind, aber ich würde es einfach nicht Befreiung nennen. Der neue Abschnitt folgt unweigerlich auf den alten Abschnitt und dennoch können beide Abschnitte auf die ganz eigene Art wunderbar sein.

Später wurde das Wort „Entbindung“ im Sinne von „Absolution“ genutzt. Absolution meint im religiösen Sinn die Freisprechung von Sünden. Ich glaube, dass ich meine Meinung hierzu gar nicht mehr schreiben muss. Das macht mich einfach sprachlos, auch wenn ich weiß, dass diese Bedeutung veraltet ist so entspricht sie wohl teilweise immer noch der katholischen Kirche, aber das ist ein anderes Thema. Darauf möchte ich hier nicht weiter eingehen.

Dass selbst heute noch in Bezug auf die Geburt häufig von Entbindung gesprochen wird, finde ich sehr traurig. Ja, es ist die körperliche Ent-Bindung von Baby und Mutter, durch die Trennung der Nabelschnur. Aber nicht einmal das erfolgt immer direkt bei der Geburt, hier nur das Stichwort Lotusgeburt. Doch Bindung oder eben Verbindung hört nachgeburtlich nicht auf. Ich finde, sie wird dadurch auf eine ganz andere Ebene gehoben und wird in aller Regel noch viel intensiver, wobei hormonelle Prozesse von Mama und Baby auch dazu beitragen. Und die Bindung von den Beiden zueinander wächst im Optimalfall immer weiter. Wie kann man da bei der Geburt von einer Entbindung sprechen? Also wirklich, es sollte nicht (mehr) Entbindung heißen!


Bildquelle für das Titelbild: pixabay.com
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