Familienbegleitung
Natalie Clauss

Every woman is a rose – Warum unsere Geburten so wichtig sind

erschienen

Dieser Blogartikel folgt dem Aufruf von Nora Imlau zum Roses Revolution Day 2016 am 25. November. Deshalb möchte ich euch hier von meiner Geburt berichten.

Am 25. November ist Roses Revolution Day

Der errechnete Geburtstermin rückte immer näher und näher. Schon die gesamte Schwangerschaft über musste ich über diverse Wünsche anderer bezüglich meiner Schwangerschaft und meiner Geburt hinweg setzen. Zu dem Zeitpunkt befand ich mich noch in Therapie, sodass mir einige Menschen in meinem Umfeld einige Bedenken entgegenbrachten, was meinen Wunsch einer natürlichen Geburt betraf. Mir wurde immer wieder geraten, einen geplanten Kaiserschnitt durchführen zu lassen. Doch das wollte ich nicht. Natürlich hatte ich Angst vor der Geburt. Ich hatte Angst vor dem, was ich nicht kannte und vor den Schmerzen, die mich erwarten würden. Aber eines wusste ich sicher: Ich wollte es auf natürlichem Weg versuchen! Ich konnte nicht wissen, dass es funktioniert und auch nicht, ob ich damit psychisch zurecht kommen würde. All das konnte ich nicht wissen. Aber umgekehrt konnte ich eben auch nicht wissen, dass nach einem geplanten Kaiserschnitt alles gut wäre. Schließlich handelt es sich dabei um eine sehr große Bauchoperation, was häufig unterschätzt wird (auch ich unterschätzte dies schlussendlich). Ich setzte mich letztendlich durch erfuhr aber immer wieder, dass nur wenige darauf vertrauten, dass ich es schaffen konnte.

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Ich war nun schon einige Tage über dem errechneten Geburtstermin, als ich nachts den Blasensprung hatte. Vorher hatte ich schon mehrere Stunden leichte Wehen gehabt, was ich aber auch schon die Tage zuvor immer mal wieder hatte. Der Blasensprung war weder besonders laut noch kam im direkten Anschluss ein Schwall von Fruchtwasser. Ich hatte lediglich ein leichtes Ziehen verspürt und hatte ein paar Tropfen Flüssigkeit verloren. Ich ging zunächst zur Toilette, weil ich mir nicht sicher war und meinen Partner nicht verrückt machen wollte, er war ohnehin schon aufgeregt. Zurück im Bett war ich mir sicher und jetzt kam das Fruchtwasser auch schon in größeren Mengen immer mit den noch sehr leichten Wehen. Ich wurde etwas panisch und bat meinen Freund die Hebamme anzurufen. Sie war auch Beleghebamme im Krankenhaus, sodass sie mich bei der Geburt begleiten sollte. Sie bestätigte den Blasensprung und stellte außerdem fest, dass die Wehen noch sehr leicht und in verhältnismäßig großen Abständen kamen. Auch hatte sich mein Muttermund erst einen Zentimeter geöffnet, der Kopf lag aber im Becken, sodass ich mich ohne Bedenken bewegen konnte. Die Hebamme fragte uns schließlich, ob wir noch hier zu Hause bleiben wollen oder ins Krankenhaus fahren wollten. Es würde sicherlich noch einige Zeit dauern. Für unser eigenes Sicherheitsgefühl entschieden wir uns, ins Krankenhaus zu fahren.

Ich bekam ein Zimmer und sollte versuchen noch etwas zu schlafen, was ich natürlich nicht konnte. Ich war viel zu aufgeregt und die Wehen wurden langsam stärker und die Abstände immer kürzer. Am frühen Morgen kam ich dann endlich in den Kreißsaal und wurde erneut untersucht und schon kam der erste Rückschlag für mich: Es hatte sich nichts getan, der Muttermund war immer noch bei einem Zentimeter! Ich durfte baden und versuchte mich zu entspannen. Auch nach weiteren zwei Stunden war kein Geburtsfortschritt erkennbar, obwohl ich nun sehr starke regelmäßige Wehen hatte. Doch die Wehentätigkeit reichte scheinbar nicht aus, um den Muttermund zu öffnen. Mir wurde nun schon zu einem Wehentropf geraten, um die Geburt voranzutreiben. Außerdem hielten die Hebamme und die Ärztin die Kombination mit einer PDA sinnvoll, damit ich mit den zusätzlichen Wehenschmerzen besser umgehen könnte. Nach einem Gespräch mit meinem Freund willigte ich ein. Ich weiß nicht mehr, was zuerst kam, aber das Legen der PDA war die Hölle! Es war nichts im Vergleich zu den Schmerzen in den Wehen, damit konnte ich gut umgehen. Ich war dabei ruhig und verstand den Schmerz. Das hier verstand ich nicht und wollte nur, dass es vorbei ist, aber es dauert gefühlt eine Ewigkeit, weil durch kommende Wehen immer wieder unterbrochen werden musste. Ich hatte Angst. Angst um mein Baby. Angst um mich. Angst um meinen Traum einer natürlichen Geburt. Letztendlich saß die PDA nicht richtig, sodass ich die Schmerzen verstärkt spürte. Durch die Unterbrechung verängstigt und verunsichert, konnte ich damit zunehmend schlechter umgehen. Mir war nicht klar, dass eine Geburtsdauer zu dem Zeitpunkt noch eher kurz gewesen wäre. Die Herztöne wurden im CTG nun engmaschiger kontrolliert, weil die Ärztin das Gefühl hatte, mein Sohn wäre geschwächt oder würde zu viel schlafen. So ging das eine ganz Zeit lang, sodass ich kaum noch ohne CTG war. Am frühen Nachmittag kam schließlich die Aussage der Ärztin, dass sie nur noch maximal eine Stunde warten würde, da die Herztöne schlecht wären. Da hatte ich nur noch Angst. Ich sprach noch kurz mit meinem Freund, doch auch er war unsicher und wollte mich nicht mehr in diesen Schmerzen sehen. Also willigte ich ein und entschied mich für einen Kaiserschnitt wegen fehlendem Geburtsfortschritt. Der Muttermund war immer noch bei einem Zentimeter. In der Zwischenzeit wurde mir außerdem schon zwei mal ein Antibiotikum verabreicht, weil die Infektionsgefahr durch den Blasensprung zu hoch wäre.

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Innerhalb von nicht einmal zehn Minuten war der OP und das Team vorbereitet. Ich lief mit Hilfe meiner Hebamme in den OP, schreiend vor Schmerzen und Angst. Das erste Kommentar des Chefarztes war nur: „Hat sie wirklich so Schmerzen?“ Ich konnte nicht reagieren. Als ich auf dem OP-Tisch saß, bekam ich eine Spinalanästhesie. Das war dank eines Wehenhemmers aber nicht mehr so schlimm, ich war aber panisch. Das war so gar nicht das, was ich wollte. Ich hatte das Gefühl, bevormundet worden zu sein und war aber wie in einer Starre und konnte nichts tun. Mittlerweile durfte mein Freund hereinkommen, es war alles für die Schnittgeburt vorbereitet. Der Arzt machte einen Probeschnitt, um zu testen, ob die Anästhesie schon wirkte. Das war nicht der Fall, sodass ich alles spürte. Es wurde gewartet und schließlich geschnitten, wovon ich nichts mehr merkte. Ich spürte aber viel Zerren und Ziehen an meinem Bauch, viel Schichten wurden schlicht aufgerissen, was für eine bessere Wundheilung sorgen sollte. Dann sagte der Arzt, dass wir jetzt ganz leise sein und gut zuhören sollten. Und da war er, ganz zaghaft und doch so klar, der erst Schrei unseres Sohnes. Ich weinte Tränen der Freude, endlich ließ die ganze Anspannung ab. Er wurde mir sofort auf die Brust gelegt und ich merkte nichts mehr vom Ausspülen und was sonst noch gemacht wurde. Nach einer Zeit musste ich meinen Sohn allerdings abgeben. Mein Freund ging mit ihm und der Hebamme zurück in den Kreißsaal, wo er untersucht werden sollte. Zur gleichen Zeit wurde ich versorgt, also genäht. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor und wollte einfach nur noch zu meinem Sohn und meinem Mann. Im Kreißsaal zurück kuschelten wir und ich legte das erste mal an. Die Hebamme erzählte noch einiges, aber davon weiß ich fast nichts mehr. Ich war nur glücklich, endlich meinen Sohn im Arm halten zu dürfen.

Der Schmerz kam erst viel später. Die körperlichen Schmerzen ließen recht schnell nach, auch wenn ich deutlich eingeschränkt war. Aber meine Seele schmerzte noch lange... Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben und schwach zu sein. Mir wurde nicht gesagt, dass ich ein Recht auf diese Trauer und diese Gefühle hatte. Immer wieder bekam ich zu hören, dass ich doch glücklich sein sollte, dass wir alle gesund seien – nur dass ich es nicht war. Ich schrieb und schrieb über meine Gefühle. Ich las sehr viel zu dem Thema und sprach mit anderen darüber. Langsam wurde der Schmerz weniger, rückte mehr in den Hintergrund. Auch jetzt nach über zwei Jahren ist der Schmerz noch manchmal da, besonders wenn ich von dem Thema lese. Dann werde ich traurig oder wütend und merke, dass ich damit noch nicht abgeschlossen habe. Doch irgendwann werde ich wieder schwanger sein und die Geburt wird anders verlaufen. Sei es, ob natürlich oder wieder eine Schnittgeburt. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Ich würde mir sehr wünschen, dass ich dann aber zumindest die Möglichkeit einer Hausgeburt hätte. Die bekannte Umgebung mit nur bekannten Menschen würde mir sicher gut tun. Auch würde ich mir wünschen, dass Schwangere viel mehr über die verschiedenen Geburtsortmöglichkeiten aufgeklärt würden und auch, dass nicht jede Vorsorgeuntersuchung in der Schwangerschaft notwendig ist. Aber vieles davon wird nicht passieren. Außerdem möchte ich, dass in Geburtsvorbereitungskursen auch mehr über den Kaiserschnitt gesprochen wird und zwar nicht nur in physiologischer Sicht. Ich möchte nicht, dass irgendeine Frau das Gefühl hat, versagt zu haben, wenn sie einen Kaiserschnitt hatte!

Lasst uns den Politikern und Krankenkassen usw. aber zeigen, dass unsere Geburten eben doch wichtig sind. Es geht um unsere Entscheidungsfreiheit, denn mein Bauch gehört mir!


Bildquellen

Titelbild: elternprotestduesseldorf.com (19.11.2016); Bild im Post: umstandslos.com (19.11.2016)
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