Familienbegleitung
Natalie Clauss

Wie Kinder wachsen, ein ergotherapeutischer Denkanstoß

erschienen

"Sollen wir unseren Jungen zusätzlich noch zu einer Verhaltenstherapie schicken?" - Eine Frage, die mich lange beschäftigt hat, deshalb gibt es meine Gedanken zu dieser Frage nun in Schriftform.

Ich möchte diese Frage nicht beantworten. Ich möchte von Thema abkommen und dich dann am Ende dasselbe fragen. Ich bin bereits jetzt auf deine Antwort gespannt, also lasse sie gerne in einem Kommentar da.

Wenn ich gleich meine Denkweise dazu erläutere, dann beziehe ich mich in Gedanken in erster Linie auf Jungen. Nicht weil Mädchen diese Frage nicht betrifft, sondern weil ich in meiner Arbeitspraxis das Gefühl habe, dass es sie viel seltener betrifft. Das mag vielleicht daran liegen, zumindest wenn man den Worten von Gerald Hüther folgt, dass Jungs das konstitutionell schwächere Geschlecht sind. Aber wer weiß das schon. Ich kann es nur aus der bisherigen Erfahrung beurteilen.

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Wenn ein Kind heranwächst, also mit heranwachsen meine ich im Mutterleib, macht es bereits Erfahrungen. Es hat ja bereits ein Gehirn, also nutzt es das auch. Es denkt aber nicht irgendwas, sondern eigentlich nur das, was es in seiner Situation wahrnehmen kann. Das sind verschiedene Dinge, da wären die gängigen Dinge, die alle Eltern wahrscheinlich schon kennen, wie der Herzschlag der Mama, die Spieluhr, die von fürsorglichen Eltern jeden Abend an den Bauch gehalten wird, damit das Kind tritt, um später Fußballer zu werden...

Nein, jetzt ernsthaft, Kinder lernen bereits in dieser Zeit wahrscheinlich mehr, als wir ihnen zugetraut haben. Sie fühlen sich geborgen und sicher und deshalb funktioniert das Lernen wohl umso besser. Aber die Kinder wollen in dieser Zeit auch wachsen, was ihnen nicht besonders schwer fällt, da sie ja über die Placenta all-inclusive versorgt sind. Dass die Kinder wachsen wollen, merken wir zum Beispiel daran, dass sie sich bewegen, dass sie eben dieses Fußballtraining absolvieren und den eigenen Körper betreffende, aber auch das Umfeld betreffende, Erfahrungen (neuronale Vernetzungen) sammeln und sich anhand von diesen Erfahrungen weiterentwickeln. Sodass aus dem ungezielten Tritt eine feinere Bewegung wird, die es dem Säugling erlaubt seinen kleinen Daumen in den eigenen Mund zu führen und durch das befriedigende Saugen an ebendiesem festzustellen, dass es ja noch viel mehr an Erfahrungen gibt, die gemacht werden wollen.

Halten wir also fest: Ungeborene Kinder (wollen) wachsen und sie fühlen sich dabei versorgt und geborgen.

Wenn dieses Kind seinen ersten Kampf gegen die Umwelt, also die Geburt, überstanden hat, dann hat sich für dieses kleine Lebewesen alles verändert, was es vorher kannte und als sicher empfunden hat. Dass das keine schöne Situation ist, kann man sich ja denken. Doch zum Glück kann Mamas warmer Körper, ihr Herzschlag und auch das Saugen an ihrer Brust einen Teil dieses vorgeburtlich gemachten Gefühls wiederbringen. Das Kind macht die Erfahrung, dass es auch in dieser kalten, hellen und trockenen Welt geborgen und versorgt ist. Ebenso wie es durch das fehlende Fruchtwasser die Umwelt klarer wahrnimmt und erstmal einige Wochen braucht um sich auf diese Kulisse einzustellen. Somit entschließt es sich erneut dafür, dass es wachsen und leben möchte.

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Wachsen und Leben. Das tut dieses Kind dann und lernt laufen, es erforscht die Umwelt, die Reaktionen der Umwelt und natürlich auch sich selbst, den eigenen Körper, die eigenen Fähigkeiten. Und wenn es Glück hat, macht es die Erfahrung, dass die Umwelt erforschenswert ist, die Reaktionen ihm einen sicheren Lebensraum bieten, dass der eigene Körper perfekt in diesen Lebensraum passt und dass die eigenen Fähigkeiten ausreichen um diesen Lebensraum zu gestalten. Die perfekten Zutaten für einen Erwachsenen, der für sich sorgen kann und selbst Nachwuchs hervorbringen, sowie diesem Geborgenheit vermitteln kann.

Klingt einfach. Ist es auch. Aber die Geschichte hat einen Haken. Das Wachstum, dass der Herr Ergotherapeut da geschildert hat, ist einzig und allein vom Kind ausgegangen in der Geschichte ist die Umwelt ziemlich passiv und keiner da, der aus diesem Kind "etwas machen", es "erziehen" möchte. Warum ich das so geschildert habe, liegt daran, dass ich von Erziehung nicht viel halte, da sie nur die Saat der eigenen Ernte, also der elterlichen Erfahrungen, aussäht. Das bedeutet widerum, dass sie die Kinder auf bereits Erlebtes vorbereitet. Klingt gut, wenn man glaubt, dass die Welt so bleibt, wie sie ist. Also dazu kann man sagen, dass wir neuerdings Smartphones haben und so'n Kram... Das gab's früher nicht.

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Wo war ich? Ja, genau, das Kind trifft nun also auf jemanden, der Ansprüche stellt. Jemanden, der eine Leistung oder ein Verhalten erwartet. Jemanden, der bereits genau weiß, wie dies aussehen soll. Das weiß dieses Kind noch nicht. Wann es diesen Menschen trifft, ist wohl gesellschaftlich unterschiedlich, wahrscheinlich spätestens in der Schule.

Dann muss das Kind auf einmal Dinge können, die es noch nicht erforscht hat, die vielleicht noch nicht erforschenswert waren. Die bisher vielleicht noch nicht im eigenen Lebensraum aufgetaucht sind. In der Ergotherapie sind es häufig feinmotorische Fähigkeiten wie die Stifthaltung. Das Kind versteht dabei wahrscheinlich noch nicht einmal, was an der Art, wie es seinen Stift hält, nicht richtig ist. Es hat ja bisher auch nicht oft gesehen, wie Mama oder Papa einen Stift halten. Die schreiben ja inzwischen alles mit der Tastatur. Naja, aber im Leben ist es auf jeden Fall wichtig, dass man den Stift gut halten kann, deshalb wird dies geübt, bis es gelingt.

Später merkt das Kind, dass es Themen gibt, die es gar nicht mal so interessant findet. Es entwickelt eigene Interessen. Dann merkt es allerdings, dass es nicht passt, eigene Interessen zu haben, denn ein uninteressantes Schulfach wirkt sich negativ auf die Leistung aus. Der Pädagoge stellt fest, dass dies damit zusammenhängen müsse, dass das Kind immer abgelenkt ist im Unterricht. Demnach ist ein Gespräch mit den Eltern erforderlich. Diese sollen sich um Maßnahmen bemühen, damit das Kind es durch die Schule schafft.

Es wird geschaut, wie man dem Kind helfen kann. Wie man sein Verhalten so anpassen kann, dass es in der Schule besser klappt. Nicht der Unterricht wird auf das Kind abgestimmt ­-­ es ist das Kind, dass nicht passt, es soll deshalb ein Konzentrationstraining durchführen. Es muss lernen, sich für einige Zeit einer Sache zu widmen, die ihm keinen Spaß macht und dabei keinen der Mitschüler abzulenken. Das Kind versteht dabei wahrscheinlich noch nicht einmal, warum man Dinge lernen muss, die einem keinen Spaß machen. Bisher hat es die Erfahrung gemacht, dass es immer dann besonders viel über eine Sache lernte, wenn es ihm Spaß machte. - Übrigens ist dies lerntheoretisch die nachhaltigste Art Neues zu lernen, wenn es gleichzeitig mit Emotionen, wie Freude, verknüpft wird. Oder kann von euch noch jemand schriftlich dividieren, was bei vielen von uns sicherlich eher mit negativen Emotionen verknüpft ist, wenn überhaupt? ;-).

Ein anderes Kind aus der Klasse unserer Kindes hat ganz andere Sorgen. Es hat kann in der Schule nämlich kaum noch still sitzen. Seine Eltern haben sich getrennt als es noch ganz klein war. Es lebt bei seiner Mama und sie gibt sich Mühe, dass es klappt. Aber das Kind merkt trotzdem, dass es ihr schwer fällt und dass die Situation es auch überfordert.

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Es hat bereits ganz früh die Erfahrung gemacht, dass die ersten Menschen, die es nach seiner Geburt auf dieser Welt kennenlernen durfte und die ihm dieses Gefühl der Geborgenheit beschert haben, nun getrennt sind. Dass ein Mensch davon ihm jetzt weniger Geborgenheit bietet. Durch die Überforderung seiner alleinerziehenden Mutter, kommt das Kind in eine Situation, in der sein Halt bröckelt. Der Halt, der dem Kind die notwendige Sicherheit gab, sodass es wachsen konnte. Es kann es wahrscheinlich noch nicht in Worte fassen, doch innerlich ist dieses Gefühl erneut verlassen zu werden da. Es ist angespannt, dies wird in der Schule deutlich durch motorische Unruhe. Es kippelt, es versucht unbewusst in Bewegung zu bleiben, weil es die Ruhe nicht aushalten kann.

In der Therapie begegnen mir manchmal Kinder, die bei Entspannungsreisen heftig mit den Armen zittern, die einerseits versuchen sich auf die Situation einzulassen, aber innerlich nicht loslassen können.

Der Rat der Pädagogen scheint da häufig der zu sein, die Eltern der Kinder zu einem Gespräch zu bitten und diesen zu erzählen, dass ihr Kind eine engere Begleitung in der Schule bräuchte. Dass die Eltern sich an einen Arzt wenden und das Kind auf "Störungen" untersuchen lassen.

Dass das Kind nun eine Störung hat, löst das Problem natürlich nicht im Geringsten. Allerdings macht es Vieles einfacher. Einem Kind mit einer "Störung" werden leichter die Anträge für besondere Betreuung bewilligt. Dann hat es jemanden an seiner Seite, der ihn auf seine Aufgaben fokussiert. Der ihm permanent sein Verhalten aufzeigt.
Einem "gestörten" Kind werden bestimmte Medikamente verordnet, die die "Störung" zwar nicht beheben, dafür aber das Auftreten des unerwünschten Verhaltens verhindern. Die Kinder ruhig machen. Damit sie sich besser konzentrieren können.

Und das Kind? Für das Kind herrscht nun auf jeden Fall Klarheit. Es ist doch nicht so perfekt für seine Umwelt. Es passt anscheinend nicht so gut rein in diese Welt. Es hat eine Störung und damit ist es wohl so etwas wie eine Blume, die nicht blüht. Die keine Früchte trägt. Etwas Minderwertiges. So fühlt sich das an.

Zurück zur Therapie. Die Kinder sind im Wartezimmer und schon voller Vorfreude, denn die Ergo, die macht Spaß, hier bauen wir Dinge frei aus unserer Vorstellung heraus. Hier erlernen wir Dinge, die wir schon immer machen wollten, die aber zu gefährlich sind. Wir schneiden mit einem scharfen Messer, wir sägen, wir brennen mit dem Lötkolben Muster ins Holz oder bringen Lötzinn zum Schmelzen um die Drähte unseres Fahrzeuges mit dem Motor zu verbinden.

Die Aufgaben, die uns Spaß machen, sind die, bei deren Durchführung wir über uns hinauswachsen müssen, bei der wir mit Begeisterung Neues lernen.

Natürlich wollen die Kinder sich bei diesen Aufgaben, die durchaus eine hohe Anforderung an die Fähigkeiten der Kinder stellen, nicht verletzen. Schmerzen kennt jedes Kind, spätestens seit es Laufen gelernt hat, vom Hinfallen. Aber damals wie heute stehen diese Kinder auf und geben ihr Bestes, es besser zu machen! Das heißt nicht, dass es dabei alleingelassen werden will. Früher hat es geholfen, wenn Mama oder Papa bei unebenem Gelände eine Hand zum Festhalten angeboten haben, damit der Laufling nicht fällt. Auch jetzt wollen die Kinder sich bei großen Herausvorderungen zuallererst sicher fühlen. Dann schrumpft die Aufgabe, vor der sie stehen auf eine überwindbare Größe. Dann fühlt sich das Kind dieser Situation gewachsen.

Wenn Kinder diese Erfahrungen öfter machen, fühlen sie sich auch dem Leben gewachsen, dann stehen sie bei Enttäuschungen und Schicksalsschlägen nicht vor einem unüberwindbarem Berg.

Am Ende der Therapie findet das Kind sich im besten Fall gar nicht so unpassend für die Umwelt. Es hat im Optimalfall die Erfahrung gemacht, dass es selbst etwas erreichen kann. Dass man sich manchmal mit Anstrengung Dinge erarbeiten muss und diese dann für mich zu erreichen sind. Es hat auch gelernt, dass manche Ziele auf Wegen liegen, die mir unbequem sind. Dass man, bei der Herstellung eines motorisierten Holzautos, nach den eigenen Vorstellungen, eben auch verdammt lange sägen und feilen muss, bis alles passt.

Dann klappt es komischerweise oft auch besser in der Schule. Woran das wohl liegt?

Warum habe ich denn jetzt die Kindheit, die Eltern und die Schule ins Spiel gebracht? Es ging doch ursprünglich um die Frage nach der Verhaltenstherapie.

Lass mich dir dazu noch eine Metapher malen. Inspiriert durch eine Pinguingeschichte von Eckart von Hirschhausen. Nur weil Pinguine keine guten Flieger sind, schicken die anderen Vögel diese nicht gegen ihren Willen zur Verhaltenstherapie.

Also frage ich dich: "Sollen wir unseren Jungen zusätzlich noch zu einer Verhaltenstherapie schicken?"

Bildquelle Thumbnail: pixabay

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